Autorin oder Autor: Elternnetzwerk Magersucht

Das Elternnetzwerk Magersucht e.V. hilft seit 2019: Akuthilfe bei Magersucht durch Online-Elterncoaching!
Unser Angebot: eine in dieser Form einmalige Akuthilfe in Deutschland mit Online-Selbsthilfegruppen durch Eltern für Eltern, mit dem Ziel, die Betroffenen im häuslichen Umfeld zu betreuen.
Unsere Botschaft: Eltern können gemeinsam mit professioneller Unterstützung von Kinder- oder Hausärzt:innen und Kinder- und Jugendpsychiater:innen selbst aktiv gegen die Krankheit werden können.
Ein frühzeitiges Eingreifen der Eltern verkürzt zudem nicht nur das Leiden der Erkrankten, sondern erhöht auch die Heilungschancen. Die Unterstützung durch andere Eltern, die das gleiche erleben oder erlebt haben, ist eine große Hilfe und Kraftquelle. 
Wir kümmern uns um Familien vor, während und nach stationären Klinik- und/oder Rehabilitationsaufenthalten und geben Hilfestellung im Umgang mit Behörden und sonstigen Institutionen wie Schule oder Jugendamt.
Unsere Hauptaufgabe sehen wir darin darin, Eltern oder Angehörige von an Magersucht Erkrankten zu ermutigen, eine aktive Rolle bei der Gesundung einzunehmen. Dabei orientiert sich der Verein an Behandlungsansätze, die versuchen stationäre Klinikaufenthalte zu bermeiden und die Eltern als wichtige Stütze im langfristigen Genesungsprozess integrieren:
Betroffene junge Menschen werden kurzfristig zunächst stationär, dann aber anschließend von einem fachkundigen Team – unter Einbindung der Eltern – zu Hause behandelt. Die seit vielen Jahren weltweit eingesetzte Behandlungsmethode Family Based Treatment (FBT) aus den USA oder der Maudsley-Ansatz können so Auswege aus der Anorexie werden. Diese Behandlungskonzepte sind in Deutschland noch wenig verbreitet.
Das Elternnetzwerk Magersucht geht auf eine Initiative von Eltern zurück, die ihren Kindern zu Hause aus der Magersucht helfen konnten und dabei professionell von Therapeuten aus Großbritannien und den USA unterstützt wurden.
Im Zuge der Corona Krise wuchs unser Netzwerk rasant, weil immer mehr Eltern nach Hilfe für ihre an Magersucht erkrankten Kinder und Jugendlichen im häuslichen Umfeld suchten. Die Vereinsgründung 2021 war aus unserer Sicht ein Meilenstein im Hinblick auf alternative Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene in Deutschland. Denn: viele Eltern warten wochenlang auf einen Klinikplatz und sehen zu, wie es ihrem Kind immer schlechter geht.
Unsere wichtigsten Ziele sind die Förderung der Heilungschancen von Kindern und Jugendlichen, die an einer Essstörung, insbesondere Anorexia nervosa, erkrankt oder davon bedroht sind, sowie die Vernetzung von Eltern, Angehörigen und Fachleuten im deutschsprachigen Raum. Wir wollen aktiv daran mitwirken, dass der Ausbau einer bedarfsgerechten Versorgung mit Beratungs- und Therapieeinrichtungen für Menschen mit restriktiven Essstörungen, die nach modernen, evidenzbasierten Methoden arbeiten, in Deutschland vorangebracht wird.

  • Warum Magersucht keine Willensfrage ist – neue Forschung

    Journalistinnen und Journalisten sind herzlich eingeladen, den bereitgestellten Musterartikel gerne als Vorlage für ihre Berichterstattung zu nutzen. Für Rückfragen sowie für die Vermittlung von Interviewpartnerinnen und –partnern – beispielsweise betroffene Eltern oder Vertreterinnen und Vertreter des Elternnetzwerks – steht Ihnen unser Team für Öffentlichkeitsarbeit gerne zur Verfügung.

    Kontakt:

    Pressestelle: presse@elternnetzwerk-magersucht.de Vorstand des Elternnetzwerk Magersucht: kathrin.muenster@elternnetzwerk magersucht.de

    Website: https://elternnetzwerk-magersucht.de

    Weitere Informationen sowie zusätzlich Pressematerialien: https://elternnetzwerk magersucht.de/presse und https://am-esstis.ch/dokumente/oeffentlich

    Wenn das Gehirn hungert

    Auf der Suche nach Antworten zur Anorexia nervosa / Magersucht

    Für kaum eine andere Erkrankung existieren so viele Mythen, Vorurteile und falsche Annahmen – und halten sich so hartnäckig – wie für die Anorexia nervosa. Liegt es am deutschen Begriff „Magersucht“, der den Eindruck erweckt, Betroffene müssten nur stark genug sein, um das Hungern zu beenden? Liegt es an der allgegenwärtigen Botschaft „schlank = gesund“? Oder daran, dass die Krankheit als übersteigerter Wunsch nach Autonomie fehlgedeutet wird?

    Schätzungen zufolge sind in Deutschland über 100.000 Menschen von Anorexia nervosa betroffen (Herpertz-Dahlmann & Zielinski-Gusssen, 2019; S3-Leitlinie 2021). Erkrankungen im Alter von neun oder zehn Jahren sind keine Seltenheit mehr. Überwiegend erkranken Mädchen, doch auch Jungen können Anorexia nervosa entwickeln – bei ihnen wird die Krankheit oft spät erkannt oder mit Depressionen verwechselt.

    Hinter jeder Zahl steht ein Kind, eine Familie, ein Alltag im Ausnahmezustand. Um zu begreifen, wie es so weit kommt, suche ich nach Antworten auf die grundlegendsten Fragen.


    Wenn das Gehirn kippt – Wie entsteht diese Krankheit?

    Neuere Forschungsansätze gehen davon aus, dass die Erkrankung nicht mit einer bloßen Idee im Kopf beginnt, sondern mit einem biologischen Kipppunkt: Sobald eine Person ihre individuell notwendige Körperfettmasse unterschreitet und gleichzeitig eine genetische Vulnerabilität des Gehirns vorliegt, setzen neurobiologische Kaskaden ein. Bestimmte Hirnareale verändern ihre Funktion, und das erkrankte Gehirn produziert Gedanken, die für Außenstehende irrational erscheinen, für die Betroffenen jedoch vollkommen real sind: „Ich bin zu dick.“ „Ich darf nicht essen.“ Studien zeigen, dass diese Veränderungen nicht Ausdruck von Trotz oder Willensstärke sind, sondern integraler Bestandteil der Erkrankung (Kaye et al., 2013; Bulik et al., 2019; Psychiatric Genomics Consortium, 2019).

    Hinzu kommen hormonelle und stoffwechselbedingte Veränderungen, die den Zustand stabilisieren. Der Körper schaltet in einen Überlebensmodus – und treibt die Krankheit paradoxerweise weiter an. Wer darauf wartet, dass Betroffene selbst Hilfe wollen, verliert oft wertvolle Zeit.


    Der schleichende Beginn

    Doch wie kommt es dazu, dass Kinder oder Jugendliche ihre notwendige Körperfettmasse unterschreiten? Die Ursachen sind vielschichtig und die Betroffenen werden immer jünger. In einer Welt, in der mit gesunder Ernährung, Fitness, Schlankheit und fraglichen Schönheitsidealen geworben wird, beginnt es manchmal harmlos: ein bewussteres Essen, etwas mehr Sport, der Wunsch nach Optimierung.

    Eltern möchten alles richtig machen – selbstverständlich auch bei der Ernährung. Dabei wird häufig übersehen, dass Heranwachsende einen deutlich höheren Energiebedarf haben als Erwachsene. Wachstum, Gehirnentwicklung, sportliche Aktivität – all das kostet Energie. Eine Ernährung, die stark auf fett- und zuckerarme Kost, viel Obst und Gemüse oder andere „gesunde“ Empfehlungen ausgerichtet ist, kann diesen Energiebedarf manchmal nicht ausreichend decken. So kann schleichend ein Energiedefizit entstehen: Der Energieverbrauch übersteigt dauerhaft die Energiezufuhr, die Fettreserven nehmen langsam ab. Kommt dann ein Wachstumsschub, ein Magen-Darm-Infekt oder eine schwere Erkältung hinzu, kann bei entsprechender genetischer Veranlagung die Krankheitskaskade ausgelöst werden.

    Immer mehr Kinder und Jugendliche entscheiden sich aus Gründen des Tierwohls oder des Klimas für eine vegetarische oder vegane Ernährung. Eine Ernährung mit wenig tierischen Lebensmitteln kann das Risiko für eine unzureichende Zinkversorgung erhöhen. Ein Mangel an Spurenelementen wie Zink wird in der Pathogenese der Anorexia nervosa diskutiert, da er den Appetit und bestimmte neurobiologische Prozesse beeinflussen kann (Herpertz Dahlmann & Zielinski-Gusssen, 2019).


    Erste Zeichen – oft übersehen

    Die Krankheit kommt selten mit einem Paukenschlag. Sie schleicht sich ein:

    • Kleinere Portionen

    • Weglassen bestimmter Lebensmittel

    • Bauchschmerzen nach dem Essen

    Hinzu kommen Veränderungen, die zunächst unspezifisch wirken: sozialer Rückzug, zunehmender Bewegungsdrang, Ängste, Zwänge, depressive Gedanken, Schlafstörungen.

    Eine Mutter erinnert sich: „Meine damals 10-jährige Tochter hat zuerst das Dressing beim Salat weggelassen. Damals habe ich mir nichts dabei gedacht.“ Heute weiß sie, dass ihre Tochter zu diesem Zeitpunkt bereits Angst vor dem Essen hatte – obwohl sie objektiv sehr schlank war. Ihre körperliche Unruhe sei auffällig gewesen: Kreise um den Tisch laufen, immer mehr Sport treiben.


    Keine Zeit zu verlieren

    Sobald Angehörigen Veränderungen auffallen, sollten sie diese ernst nehmen und professionellen Rat einholen, betont Kathrin Jacobi. Sie begleitet als Vorsitzende des Elternnetzwerks Magersucht e.V. inzwischen mehr als 900 betroffene Familien und weiß aus Erfahrung, dass Wartezeiten auf Arzttermine lang sein können, und nicht jeder Behandler mit dem aktuellen Forschungsstand vertraut ist. Doch weiteres Zuwarten bedeutet häufig weiteres Absinken des Gewichts – und ein tieferes Hineinrutschen in die Erkrankung. Oft vergeht wertvolle Zeit, während nach einem vermeintlichen psychischen Trauma gesucht wird. Solche belastenden Ereignisse spielen jedoch nur bei einem Teil der Erkrankten eine Rolle. Deutschland nimmt in der Interpretation der Anorexia nervosa historisch eine Sonderrolle ein, die stark von der Psychoanalyse geprägt war. Während andere Länder die Magersucht neurobiologisch erklären, wurde sie in Deutschland oft als „Reifungskrise“ oder „Autonomie Konflikt“ interpretiert, was das Risiko lebensbedrohlicher Unterernährung und langfristiger Folgen wie Osteoporose, Herzerkrankungen, Kleinwuchs, Amenorrhö, Verlust von Hirnsubstanz sowie psychischen Begleit- und Folgeerkrankungen erhöht (Fairburn, 2008).


    Der Weg zurück – Therapie

    Der zentrale therapeutische Ansatz ist das sogenannte Refeeding – die konsequente und vollständige Wiederernährung. Im englischsprachigen Raum hat sich hierfür die Family Based Treatment (FBT) etabliert: Eltern übernehmen – therapeutisch angeleitet – vorübergehend die Verantwortung für die Ernährung ihres Kindes, sobald eine akute Lebensgefahr ausgeschlossen ist (Lock & Le Grange, 2013).

    Auch in Deutschland wird der Ansatz, Eltern als wertvolle Ressourcen im Kampf gegen die Krankheit einzubeziehen, zunehmend erforscht, unter anderem an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und am Universitätsklinikum Münster, sowie in Projekten wie FIAT und HoT. Ziel ist es, Klinikaufenthalte zu verkürzen oder zu vermeiden und Rückfälle zu reduzieren.

    Ein Vater beschreibt die Refeeding-Phase seiner Tochter als die intensivste Zeit seines Lebens: „Die Angst unserer Tochter vor dem Essen war immens. Wir haben gelernt, ruhig zu bleiben, Sicherheit zu geben und dennoch konsequent zu sein.“ Nach zwei Monaten und fast 14 Kilogramm Gewichtszunahme sei ihr fröhliches Wesen zurückgekehrt. Heute, vier Jahre später, plant sie ihr Studium.

    Das Elternnetzwerk Magersucht e.V. begleitet Familien im deutschsprachigen Raum mit Aufklärung, Wissen, Erfahrungen und Hilfe zur Selbsthilfe meist über mehrere Jahre und berichtet stolz von vielen genesenen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die nach der phasenweisen sehr intensiven Unterstützung durch die Eltern wieder völlig autonom im Leben stehen und ihren Träumen nachgehen können.


    Was bleibt

    Anorexie ist keine Laune. Kein Lifestyle. Kein bloßer Ausdruck von Autonomie. Sie ist eine schwere, potenziell lebensbedrohliche Erkrankung – mit guten Heilungschancen, wenn sie früh erkannt und konsequent behandelt wird. Vielleicht beginnt ein Umdenken mit einem Perspektivwechsel: weg von der moralischen Bewertung, hin zum Verständnis der biologischen Dynamik. Nur wer begreift, was im Gehirn geschieht, kann rechtzeitig handeln.


    Quellen

    Leitlinien

    • S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/051-026

    Internationale wissenschaftliche Literatur

    • Fairburn, C.G. (2008). Cognitive Behavior Therapy and Eating Disorders.

    • Bulik, C.M. et al. (2019). Genome-wide association study identifies eight risk loci for anorexia nervosa. Nature Genetics.

    • Kaye, W.H. et al. (2013). Nothing tastes as good as skinny feels: the neurobiology of anorexia nervosa. Trends in Neurosciences.

    • Psychiatric Genomics Consortium (2019). Genetic architecture of anorexia nervosa.

    Therapie / Family Based Treatment (FBT)

    • Lock, J. & Le Grange, D. Treatment Manual for Anorexia Nervosa: A Family-Based Approach.

    • Lendfers, C. Nur mit meinen Eltern – Familienintegrierte Therapie für Kinder und Jugendliche bei Magersucht.

    • Ganci, M. FBT Überleben: Kompetenzhandbuch für Eltern.

    Deutsche Forschung

    • Herpertz-Dahlmann, B. & Zielinski-Gusssen, I. (2019). Die Bürde der Elternrolle bei Patientinnen und Patienten mit Anorexia nervosa. RWTH Aachen.

    • FIAT-Studie: https://fbt-fiat.de

    • HoT-Studie: https://www.ukaachen.de/kliniken-institute/hot-hometreatment magersucht

    • Universität Dresden: https://www.multifamilientherapie.de

    • Universitätsklinikum Münster: https://web.ukm.de/kinder jugendpsychiatrie/multifamilientherapie

    Informationsquellen für Laien / Hintergrund

    • Neurologen und Psychiater im Netz: https://www.neurologen-und-psychiater-im netz.org/kinder-jugendpsychiatrie-psychosomatik-und-psychotherapie/stoerungen erkrankungen/magersucht-anorexia-nervosa/auswirkungen/

    https://elternnetzwerk-magersucht.de

    Optionale Hintergrundliteratur (journalistische Einordnung)

    • Carrie Arnold (2018). Decoding Anorexia: How Breakthroughs in Science Offer Hope for Eating Disorders.

  • Family Based Treatment (FBT) – Ein effektiver Ansatz zur Behandlung von Anorexie

    Family Based Treatment (FBT) – Ein effektiver Ansatz zur Behandlung von Anorexie

    FBT im deutschsprachigen Raum

    Familienbasierte Ansätze zur Behandlung von Anorexia nervosa werden in der S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von Essstörungen“ ausdrücklich erwähnt und als erste Wahl empfohlen. Sie spielen aber in der aktuellen klinischen Arbeit keine nennenswerte Rolle. Familienbasierte Therapieformen sind leider sogar in Fachkreisen kaum bekannt.

    S3-Leitlinien werden von offiziellen Kommissionen erstellt und geben Empfehlungen, wie Erkrankungen diagnostiziert und behandelt werden sollen und richten sich vor allem an Ärztinnen und Ärzte, aber auch an Pflegekräfte und andere Fachleute im Gesundheitswesen.

    Die Forschung an deutschen und europäischen Universitäten hat begonnen. Erste große Kliniken in Deutschland haben angefangen, familienbasierte Ansätze und Home Treatments als außerklinische Behandlungsform bei Essstörungen einzusetzen.

    Es gibt aktuell fast keine FBT-Therapeuten im deutschsprachigen Raum. Die Möglichkeit einer klassischen FBT-Therapie vor Ort und in deutscher Sprache ist also im Normalfall aktuell leider nicht gegeben.

    Zur Entstehung von FBT

    FBT wird auch Maudsley Methode (Maudsley approach) genannt, weil die Behandlungsmethode in den 1970er und frühen 80er Jahren ursprünglich am Maudsley-Hospital in London von Prof. Gerald Russel, Dr. Ivan Eisler und Dr. Christopher Dare entwickelt wurde.

    Sie erkannten auch als Erste die Bedeutung einer schnellen und effizienten Wiederherstellung des Gewichts als ersten Schritt zur Genesung. FBT und Maudsley werden in der Praxis als Synonym verwendet.

    In den USA wird die Methode von Prof. Daniel Le Grange und Dr. James Lock bis heute weiterentwickelt und erforscht.

    Mithilfe von FBT sind seit 30 Jahren weltweit unzählige Kindern gesundgeworden und Familien der Anorexie-Falle entkommen.

    Es handelt sich bei FBT um eine manualisierte Behandlung, die von geschulten Fachleuten durchgeführt wird. Sie kommt in erster Linie in ambulanten Einrichtungen zum Einsatz, obwohl es auch einige stationäre und teilstationäre Programme gibt, die FBT beinhalten.

    Das Manual liegt bisher leider nur in englischer Sprache vor.

    Stand der empirischen Forschung

    FBT ist in vielen vergleichenden Studien gut erforscht. Sie ist nachgewiesener Weise erfolgreicher als alle anderen bekannten Behandlungsmetoden bei Magersucht und Standardbehandlungsansatz in vielen angelsächsischen Ländern.

    In einer der größten randomisierten, kontrollierten Studie der Universitäten Chicago und Stanford mit 120 Jugendlichen hat man FBT mit konventioneller Einzeltherapie verglichen. FBT hat sich (mit großem Abstand) dabei als effektivste und effizienteste Behandlungsmethode gezeigt. Eine Übersicht der wichtigsten Forschungsergebnisse wollen wir hier in Kürze veröffentlichen. Leider liegen diese zum Großteil bisher nur in englischer Sprache vor.

    Altersspektrum für den Behandlungsansatz

    FBT ist als Behandlungsansatz bei Essstörungen für junge Menschen bis 18 Jahre entwickelt worden. Aber auch bei jungen Erwachsenen im Altersspektrum bis 25 Jahre wird die Methode in abgewandelter Form erfolgreich angewendet.

    Inzwischen gibt es auch eine nachgewiesenermaßen ebenfalls sehr erfolgreiche Variante zur Anwendung bei Bulimie (FBT-BN), sowie eine modifizierte Variante für junge Erwachsene bis 25 Jahre (FBT-tay, transition age youth) und ein Programm für Erwachsene: MANTRA (Maudsley Anorexia Treatment for Adults).

    „The New Maudsley Approach“ ist kein eigenständiger Behandlungsansatz oder eine neue Variante des ursprünglichen Maudsley Ansatzes. Er stellt zusätzliche Ressourcen für Eltern, Pflegekräfte und Ärzte als Ergänzung zu einer Behandlung bereit. Hauptziel ist es, Stress abzubauen und Familie und Pflegekräfte zu stärken. Besonderes Augenmerk erhalten hier erwachsene Patientinnen und Patienten, die an Bulimie erkrankt sind. Entwickelt wurde und wird die Methode am Maudsley Hospital unter der Führung von Prof. Janet Treasure.

    Das 3-Phasen-Konzept

    Nach dem Manual findet eine FBT-Behandlung in drei Phasen statt, die sich über einen Zeitraum von einem Jahr und circa 20 Sitzungen erstreckt. Die Sitzungen finden wenn möglich in Präsenz statt, es besteht aber auch die Möglichkeit, die Sitzungen als Videokonferenz zu gestalten.

    • In der ersten Phase, der sogenannten Refeeding-Phase, geht es vor allem um die Gewichtswiederherstellung. Die Eltern werden dabei unterstützt, die Gewichtszunahme ihres Kindes voranzutreiben.
    • Wenn ein gesundes Gewicht erreicht ist, sich der psychische Zustand des Patienten und die allgemeine Stimmung innerhalb der Familie signifikant verbessert hat, folgt die zweite Phase. Die altersgemäße Autonomie in allen Lebensbereichen wird wieder an den jungen Menschen zurückgegeben. Beim Essen selbst haben die Eltern noch kontrollierende und unterstützende Funktion, die über die Zeit abgebaut wird.
    • Erst in der dritten Phase werden therapeutische Probleme angegangen, sofern diese noch bestehen. Bei vielen Patienten verschwinden alle psychischen Auffälligkeiten, die mit der Anorexie-Erkrankung einhergegangen sind.

    Einbeziehung der Familie und die „Familien-Mahlzeit“

    FBT-Sitzungen beziehen in der Regel die gesamte Familie ein und umfassen mindestens eine „Familien-Mahlzeit“.

    Dies gibt dem Therapeuten die Möglichkeit, die Verhaltensweisen der verschiedenen Familienmitglieder während einer Mahlzeit zu beobachten und die Eltern zu coachen, ihrem Kind beim Essen zu helfen.

    Eltern sind die Lösung, nicht das Problem

    Generell bricht FBT mit der veralteten und inzwischen widerlegten These, dass die Gründe für die Essstörung in einer dysfunktionalen Familienstruktur zu finden seien.

    Ältere Theorien über Anorexie und Essstörungen (Hilde Bruch und andere) über Magersucht und Essstörungen haben die Entstehung der Krankheit auf familiäre Probleme und Störungen innerhalb der Familie zurückgeführt. Man ging davon aus, dass die Mütter die Hauptursache für die Essstörungen ihrer Kinder sind, wie dies lange auch bei Schizophrenie und Autismus angenommen wurde. Diese Annahmen sind nach dem heutigen Stand der Forschung (auch bei Schizophrenie und Autismus) nicht mehr haltbar und haben viel unnötiges Elend und Leid in die Welt gebracht.

    In modernen Therapieverfahren wie FBT werden Eltern als größte Ressource im Kampf gegen die Magersucht gesehen, da die häusliche Hilfe den Betroffenen ermöglicht, sich gegen diese übermächtige Krankheit zu wehren.

    Die Schuldfrage ist nicht relevant

    FBT fragt nicht nach der individuellen Genese der Erkrankung und stellt auch keine Schuldfrage. Für den Genesungsprozess ist dies nicht relevant.

    Neuere Forschungsergebnisse zeigen auch, dass biologische, genetische und neurologische Faktoren bei der Erkrankung eine viel größere Rolle spielen, als man sich das früher vorstellen konnte. Viele an Magersucht erkrankte Kinder kommen aus völlig normalen und glücklichen Familien, über die die Erkrankung wie eine Naturgewalt hereinbricht.

    Stationäre Behandlungen vermeiden

    Das frühzeitige Erkennen der Erkrankung und ein schneller Behandlungsbeginn sollen stationäre Aufenthalte verhindern oder so kurz wie möglich gestalten.

    Dafür werden Eltern geschult und befähigt, ihrem Kind aktiv helfen zu können, wieder ein gesundes Normalgewicht zu erlangen, dieses zu halten und nachhaltig gesunde Essgewohnheiten zu entwickeln.

    FBT ermöglicht in vielen Fällen eine Behandlung im vertrauten häuslichen Umfeld unter ambulanter medizinischer Aufsicht und mit therapeutischer Unterstützung der Eltern.

    Schnelle Gewichtswiederherstellung – weight restauration

    Eine schnelle Gewichtszunahme wirkt sich positiv auf den Genesungsprozess aus und verbessert das Behandlungsresultat langfristig positiv.

    Das Kind muss ein gesundes Gewicht wiedererlangen und darf nicht im Untergewicht bleiben.

    Externalisierung

    Eltern lernen, ihr Kind von der Krankheit zu trennen. Das sogenannte Externalisieren der Krankheit ist eine zentrale Komponente von FBT: Es bedeutet, dass der junge Mensch nicht für die Erkrankung verantwortlich gemacht werden darf.

    Die Erkenntnis und das Wissen darum, dass nicht das Kind verantwortlich für die Krankheit ist, sondern dass die Krankheit das Kind kontrolliert, hilft den meisten Eltern sehr schnell besser mit der Situation umgehen zu können.

    Psychische Gesundheit, Stärke und Einheit der Eltern erhalten

    Eltern werden befähigt, diese extrem belastende Zeit gut durchzustehen. Die Erhaltung der psychischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Eltern ist ein Grundpfeiler der Behandlung.

    Eltern lernen ebenfalls, gemeinsam gegen die Krankheit vorzugehen. Anorexie hat auch die Tendenz Beziehungen zu zerstören. Sowohl durch die extreme psychische Belastung, der das Familiengefüge ausgesetzt ist, als auch durch gegenseitige (oft sehr unterschwellige) Schuldzuweisungen. Anorexie spaltet, auch Beziehungen.

    Zeitweise Übernahme der Autonomie

    Es ist notwendig, dass die Eltern für eine begrenzte Zeit die komplette Autonomie über kritische Lebensbereiche wie Essen und Bewegung übernehmen.

    Das Kind isst nicht, weil es nicht will, sondern weil es nicht kann. Es hat sich diese Krankheit nicht ausgesucht. Die Krankheit hat sich das Kind ausgesucht.

    Es braucht jetzt keine zusätzlich übertragene Verantwortung für das eigene Essverhalten, die es in seinem jetzigen Zustand nicht bewältigen kann. Es benötigt keine psychotherapeutischen Gespräche über Kalorien, Nährwerte und Stoffwechsel. Es benötigt nicht die Suche nach Ursachen, die es in den allermeisten Fällen nicht gibt. Es benötigt praktische und handfeste intensive Hilfe.

    Quellen

  • Eva Musby – Das Bungee-Sprung Video (Vertrauen hilft, nicht Logik)

    Eva Musby – Das Bungee-Sprung Video (Vertrauen hilft, nicht Logik)

    Du findest den Youtube-Kanal von Eva Musby hier: https://www.­youtube.com/­user/­EvaMusby

    Bitte schau dir unbedingt dieses Video an, es hat schon unzähligen Eltern geholfen, zu verstehen, was mit ihrem Kind jetzt plötzlich los ist: Der Bungee-Sprung

  • Seminar 2022 – Fortbildung Maudsley Methode

    Seminar 2022 – Fortbildung Maudsley Methode

    Dieses systemische Behandlungsmodell betont die Bedeutung einer guten Kooperation mit Familien, ist stärken- und ressourcenorientiert und will zugleich Eltern als auch die betroffenen Jugendlichen stärken.

    In diesem Workshop werden die theoretischen und empirischen Grundlagen des Maudsley Modell von erfahrenen Mitgliedern des Maudsley Centre for Child and Adolescent Eating Disorders/London vorgestellt. Besonderer Wert wird auf die Vermittlung von praktischen Kenntnissen und Behandlungskompetenzen gelegt. Der Workshop gliedert sich in zwei Teile, einen zweitägigen Workshop im Mai und einen weiteren eintägigen vertiefenden Workshop im November, in dem praktische Erfahrungen der TeilnehmerInnen reflektiert und die Umsetzung der Behandlungstechniken vertieft werden.

    Das Seminar findet in englischer Sprache statt. Das Helm Stierlin Institut ist eines der führenden Weiterbildungsinstitute für Systemische Therapie und Beratung in Deutschland.

    Information und Anmeldung: